Testbericht BMW 428i Coupé

IMG_0662Farbe: Melbourne Rot metallic
EZ: 8/2013
km-Stand: 6.126km (Abgabe)
gefahrene Strecke: 273km
Nutzungsprofil: 20% Stadt / 50% BAB (160-180km/h) / 30% Überland
Verbrauch: 8,6l/100km
Leistung: 245PS
Drehmoment: 350Nm
Motor: 2,0l 4-Zylinder TwinScroll-Turbobenziner
0-100km/h: 5,8s
Vmax: 250km/h

LP (Testwagen): 67.000€

Ausstattung:
– Sport-Line
– Voll-LED Scheinwerfer
– Connected Drive Paket inkl. Navi Prof, erw. Handy BT, Apps, etc.
– el. Glasdach
– el. Sportledersitze inkl. Lordosenstütze
– Einparkassistent, Rückfahrkamera sowie PDC vo&hi
– Head-Up Display
– Spurwechselassistent, Spurwechselassistent, aktiver Tempomat inkl. Stopp&GO
– h/k Soundsystem und DAB-Tuner
etc.

Karosserie / Innenraum:
Großer Wirbel wurde um den Namen des neuen Coupés bereits Jahre vor seinem erscheinen gemacht, doch all die Rufe der Fans den Nachfolger des E92 wieder mit einer „3“ im Namen zu versehen, fanden in München kein Gehör. Warum? Ganz klar, was die Konkurrenz aus Ingolstadt schon seit Jahren kann, dass wollen die Münchner nun auch:
Einfach die 3er Elemente nehmen, eine höhere Nummer auf das Heck kleben und den Wagen marketingtechnisch eine Klasse höher positionieren.
Ob dies gerechtfertigt ist oder nicht, zeigt schon der erste Blickkontakt mit dem neuesten Coupé der bayerischen Motorenwerke. Das Melbournerot lackierte Coupé blickt dank Voll-LED-Scheinwerfer und seiner flachen Dachlinie etwas grimmiger als die Limousine drein, aber die Verwandtschaft zu Limousine und Touring, kann es nicht leugnen. So sind die Scheinwerfer ebenfalls bis in die Nieren gezogen, die Front hat die typische Buckelwal-Schnauze und die Heckleuchten weißen die markentypische L-Form auf. Leider ist das Heck etwas zu pummelig geworden, wodurch dies nicht zur Schokoladenseite des neuen 4ers gehört. IMG_0667
Die Seitenlinie wirkt dank des langen Radstands sehr gestreckt und die kleinen Fensterflächen drücken den optischen Schwerpunkt noch einmal weiter nach unten, als dies bereits das neu abgestimmte Fahrwerk tut.
Im Innenraum würde man nun ein anderes Interieur als bei den 3er Derivaten erwarten, doch außer einer anderen Interieurleistenführung in den Türen, ist das Cockpit 1:1 mit dem der Limousine identisch. Dies hat leider auch zur Folge, dass die verwendeten Materialien leider nicht hochwertiger geworden sind und somit den höheren Klassenanspruch nicht gerecht werden. Da es sich bei dem getesteten 428i um ein Fahrzeug aus der Vorserie handelt, lassen wir kleinere Knistergeräusche aus dem Armaturenträger ebenso unbeachtet wie den Defekt des linken LED-Scheinwerfers, der nur maximal 3m vor das Fahrzeug leuchtete.IMG_0678
Den größten Fauxpas jedoch schiebe ich nicht auf die Vorserie, sondern auf die Frechheit der Marketingstrategen. So erlauben sich die BMWler in der Tat bei der Verwendung der Leuchtmittel für die Blinker, bei den 1.900€ teuren Voll-LED-Scheinwerfern, hinten Glühbirnen!
Die Platzverhältnisse vorne sind mit denen der 3er Limousine identisch, nur der Zustieg ist durch die großen Türen etwas beschwerlich in engen Parklücken. Positiv ist jedoch, dass die Verrenkungen um an den Sicherheitsgurt zu gelangen, wie schon im Vorgänger, nicht vorhanden sind dank einem kleinen Butler. Dieser ist jedoch ebenso fragil gefertigt, wie schon beim Vorgänger und so würde es mich hier nicht wundern, wenn dieser in der Praxis durchaus einmal zu Bruch geht …
Im Fond sitzt es sich erwartungsgemäß beengt, was ebenso an der eingeschränkten Beinfreiheit liegt, wie auch an der abfallenden Dachpartie, die Personen über 1,75m schon die Köpfe einziehen lässt. In den Kofferraum passen locker zwei große Samsonite-Koffer rein, dann ist aber auch schon fast Schluss und die Rücksitzlehnen müssen (optional) umgeklappt werden.
Das Infotainmentsystem mit dem Navigationssystem Professional samt Touch-Controller ist wie immer ein Traum hinsichtlich Bedienerfreundlichkeit und Schnelligkeit. Zudem bietet der Bildschirm eine optimale Größe und die Darstellung ist gestochen scharf, was das Auge jeder Zeit verwöhnt.
Die Soundanlage des aufpreispflichtigen harman/kardon Systems ist vorzüglich und bietet neben einem schön klaren Klangbild einen ebenso guten Bass, wenn dieser gewünscht ist.

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Motor / Getriebe:
Unter der rot lackierten Motorhaube dieses 4er Coupés arbeitete der neue 2,0l 4-Zylinder TwinScroll-Turbobenziner, der 245PS und stattliche 350Nm in seiner Spitze entwickelt. Rein von den Papierwerten her, macht dieser Motor durchaus schon so Laune, denn in knapp unter 6s durcheilt das Coupé bereits die magische 100km/h-Marke und rennt elektronisch begrenzt 250km/h in der Spitze (wenn Sommerreifen montiert sind 😉 ).
Doch leider bin ich ein Kritiker der Downsizing-Triebwerke und umso interessierter war ich natürlich wie sich dieser Antrieb im Coupé schlägt. In der Limousine konnte ich ihn bereits kurz antesten und war nicht sonderlich begeistert, doch ich wollte dem Motor hier wieder eine neue Chance geben, zumal BMW im Coupé ein aktives Sounddesign dem Motor einprogrammiert hat!
Das erste starten des Triebwerks erfolgt 4-Zylindertypisch etwas rau, nur aus dem Auspuff versucht das Coupé ein kleines Bellen zu produzieren, was angenehm aber nicht sportlich klingt. Anschließend läuft der Motor mit leichten Vibrationen ruhig und kaum hörbar vor sich hin. Einzig leichtes tickern ist zu hören, was auf die Direkteinspritzung zurück zu führen sein dürfte. Ist der kleine Motor erst einmal betriebswarm ist von diesem tickern nur noch sehr wenig im Innenraum, dafür jedoch von außen umso mehr zu hören. Ein Diesel arbeitet hier auch kaum lauter …
Im Fahrbetrieb dann legt sich der Motor nach einer kurzen Anfahrschwäche unter 2.000U/min immer stärker ins Zeug, um dann bei ~6.300U/min sein Maximum zu erreichen. Darüber dreht der Motor zwar noch anständig aus, baut hier aber kaum noch Kraft auf, so dass die nächste Fahrstufe eingelegt werden kann. Zudem ist die Klangkulisse hier sehr angestrengt. Dazwischen ist die Kraftentfaltung jedoch nahezu linear und dem eines Turbos eher untypisch, vor allem in Verbindung mit der schönen Drehfreude. IMG_0699
Am interessantesten war und ist jedoch die Klangkulisse, die das neue Sounddesign über die Lautsprecher für den Innenraum generiert. Ja, was soll ich sagen, der Klang ist wirklich gut gelungen. Er klingt nicht wie ein 4-Zylinder brummig, und auch nicht kehlig wie ein R6 sondern eher basslastig, also eher wie ein V6 würde ich sagen. Jedenfalls klingt er immer gut und der produzierte Sound passt gut zu den anliegenden Lastverhältnissen. Ich fand ihn sehr gut und angenehm, während meine Verlobte den Klang als zu laut und störend empfand. Hier scheint es also tatsächlich unterschiedliche Sichtweisen zu geben. Vielleicht sollte BMW den Sound dauerhaft nur im SPORT-Modus einpflegen, dann wäre das Thema für alle Beteiligten optimal gelöst, wie ich finde.
Die verbaute 8-Stufen-Sportautomatik passt wieder einmal bestens zum Charakter des Motors und verbindet sich in einer vorzüglichen Symbiose für Alltag und Sport. So werden die Gänge im Alltag wunderbar weich und kaum spürbar einlegt, sowie stets früh hoch geschaltet, wodurch das Drehzahlniveau angenehm niedrig bleibt. Auch auf der Autobahn ist die Spreizung der Gänge bestens gelungen, um entweder noch genügend Feuer beim zurückschalten zu haben oder aber dank des hohen Drehmoments im höchsten Gang sanft nach vorne geschoben zu werden. Im SPORT-Modus ändert sich das Bild der sanften Schaltvorgänge komplett und die Elektronik hämmert die Gänge wie ein DKG hart und unbarmherzig rein. Für meinen Geschmack sind diese Schläge schon ein wenig zu viel, denn auch die normale 8-Stufen Automatik schaltet im SPORT-Modus bereits sehr schnell, behält sich dabei aber fast ihre kompletten Gentleman-Manieren während der Gangwechsel. IMG_0704
Zum Schluss entscheidet natürlich auch der Verbrauch, ob das Downsizing erfolgreich war bzw. ist, oder eben nicht.
So kam ich im Drittelmix, mit sowohl sehr sportlichen und flotten Autobahnpassagen, als auch mit Stopp&Go Stadtverkehr und ruhiger Alltagsfahrweise auf akzeptable 8,6 l/100km. Wer es ruhig angehen lässt schafft sicherlich Werte um 7,5l, wobei die Spanne nach oben, gerade mit Sommerreifen und bei hohem Vmax-Anteil, weit offen ist. So sind für viele wohl eher Verbräuche von ~9,5l der Schnitt. Ich selbst würde behaupten, dass ein R6 bei gleicher Fahrweise vllt 0,5l/100km mehr verbraucht hätte, bei schneller Fahrweise jedoch sparsamer wäre.

Fahreigenschaften:
Bei all den Diskussionen um Downsizing, falscher Motorenbezeichnungen oder aber der Umbenennung der Baureihe, so sollte doch gerade bei einem Coupé von BMW noch der Slogan „Freude am Fahren“ am meisten gelten, oder?!
Leichter ist das neue Coupé jedenfalls i.V. zum Vorgänger (325i E92) nicht geworden, trotz nur noch 4-Zylindern und 3l weniger Kraftstofftankgröße. Somit ist auch dieses Coupé, laut Papier, wieder mehr zum cruisen ausgelegt worden als für Sportlernaturen. Doch auf Grund des demographischen Hintergrunds und in Anbetracht des nochmals gestiegenen Einstiegspreises, dürfte dies sicherlich nicht die falsche Entscheidung gewesen sein.
Doch genug des Gemeckers, ab auf die Straße und erleben, wie sich das 4er Coupé so macht. Das gefahrene 428i Coupé verfügte nur über die optionale variable Sportlenkung, nicht aber über ein verändertes Fahrwerk oder aber breitere Räder, da Winterräder in Seriengröße (225er 17″ rundum) montiert waren. IMG_0722
In dieser Kombination erstaunt dann umso mehr, wie hölzern das Coupé über Querfugen oder Verwerfungen jeglicher Art rumpelt. Erst mit steigender Geschwindigkeit und Beladung federt das Coupé verbindlicher. Einzig die Abneigung gegen Querfugen und Kanaldeckel bleibt bestehen. Besonders deutlich wird dies auf Kopfsteinpflaster, da hier alle Schläge direkt an die Insassen weitergeleitet werden. So zeigt der Neuling also, dass er im Komfortbereich nicht wirklich besser geworden ist als der Vorgänger, wobei man hier sagen muss, dass BMW ja noch das adaptive Fahrwerk anbietet, auf welches er wohl besonders abgestimmt wurde …
Während der 428i also beim Komfort nicht so gut abschneidet, stellt sich natürlich die Frage nach der sportlichen Performance des Münchners.
Auf verwinkelten Kurvenstraßen fühlt er sich jedenfalls wohl und lenkt dank der Sportlenkung zackig ein, bleibt lange neutral, eher er dann im Grenzbereich sanft untersteuert. Diese Untersteuertendenz ist allen aktuellen BMW nun anerzogen worden und dient der allgemeinen Sicherheit, senkt jedoch den Spaß für sportlich ambitionierte Fahrer. Übertreibt es der Fahrer, bremst ihn auch das sanft regelnde DSC ein und zieht das rote Coupé wieder auf den korrekten Kurs. Das Feedback, welches das Fahrwerk und die Lenkung an den Fahrer vermitteln ist etwas besser geworden, was sicherlich auf die Optimierung der Vorderachse des 4ers zurück zu führen ist im Vergleich zur Limousine.
Trotzdem bleibt ein etwas zu weiches Gefühl ebenso hängen, wie das leicht synthetische Lenkgefühl der variablen Lenkung. In der Stadt bietet sie dank erhöhter Servounterstützung eine gute Erleichterung, um in enge Parklücken zu kommen. IMG_0724
Auf der Autobahn liegt das Coupé satt auf der Straße, erst ab 200km/h wird der Wagen gefühlt etwas leicht an der Hinterachse. Dies dürfte auf die schmale Serienbereifung und die weicheren Winterräder zu schieben sein. Mit 255er Sommerreifen sollte das Coupé merklich ruhiger liegen und etwas weniger Aufmerksamkeit vom Fahrer erfordern als in dieser Konfiguration.

Fazit:
Mit dem neuen 4er Coupé führt BMW die Historie schöner 2-Türer weiter fort. Neben dem schönen Exterieur, hat BMW leider vergessen im Innenraum noch einmal Hand an zu legen, um die Haptik für den gesteigerten Preis zu verbessern.
Beim Motor wurde dem 2l 4-Zylinder dank eines Soundgenerators die passende Musik zu Teil, um dem Käufer den Verlust von 2-Zylindern erträglich zu machen. Die tolle 8-Stufen Automatik sorgt für die optimale Kombination aus Sport und Komfort für den Alltag und senkt dank der weiten Spreizung und dem daraus gesenkten Drehzahlniveau für einen reduzierten Spritdurst. Trotz aller Bemühungen den Verbrauch deutlich zu senken dank des  Downsizing-Konzepts, konnte der Neuling leider nicht gänzlich überzeugen.
Beim Fahrwerk sollte BMW durchaus noch einmal etwas Feinschliff walten lassen, um entweder komfortabler zu werden oder aber ein besseres Feedback für Sportlerherzen zu bieten.

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Und so schiebt der 428i voran:

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