BMW C600 Sport – Alternative zum „echten“ Motorrad?!

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Ich habe es gewagt:
als eingefleischter, langjähriger Fahrer richtiger Motorräder habe ich mir für dieses Jahr einen Maxiscooter zugelegt. Viele Leser werden nun fragen – ist der krank, hat der Kerl keine Reaktionen mehr, ist er kreuzlahm oder ist er nun schon Rentner?
Nun – mich hat einfach mal interessiert wie es ist, anstatt eines reinrassigen Tourensportlers oder Superbikes einen bequemen Maxiscooter zu fahren, der leistungsmäßig mit den meisten Motorrädern mithalten kann.
Mit ausschlaggebend waren auch die Wetterverhältnisse in Deutschland, wo es die letzten Jahre sehr viele Regentage gab und wo man mit einem unverkleideten Motorrad doch recht arg den Unbilden der Natur ausgesetzt ist.
Sei’s drum – der Großroller um den es hier geht, ist der C600 von BMW. Nicht der besonders reisetaugliche Bruder C650 GT, sondern die sportlichere Variante, der C600 Sport.

Die Eckdaten verdeutlichen, dass dieser seit 2012 auf den Markt befindliche BMW-Roller ganz schön sportlich unterwegs sein dürfte:

2-Zylinder Reihenmotor mit 650 ccm und 60 PS
Stufenlose Riemen-Automatik
Beschleunigung: 0-100 km/h in ca. 6,5 sec
Spitze: 175 km/h
Gewicht: 248 kg
Listenpreis Testfahrzeug: 12.220 €

BMW_C600sp_Präs1Dass man auf solch einem Gefährt komfortabel sitzen würde, überrascht kaum.
Die Sitzposition ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber durchaus als angenehm zu bezeichnen.
Einzig die nicht angewinkelten Beine und der fehlende Knieschluss mit dem Tank machen einem Motorradfahrer zumindest anfangs etwas zu schaffen. Aber das Ganze legt sich, wenn man erst mal eine größere Strecke mit ihm zurückgelegt hat.
Meine erste Tagestour unternehme ich Anfang April, wo auf den Bergen des Allgäus und vor allem in den schattigen Tälern noch etwas Schnee liegt. Die Temperaturen sind teilweise alles andere als frühlingshaft und so komme ich in den Genuss, die nette Sitzheizung, eines der besonderen Features des C600, zu testen.
Wow, hinter der hohen Scheibe und auf angewärmtem Hintern lassen sich die wunderschöne Landschaft und die Kurven des Allgäus auch unter 10 Grad prima genießen!
Die wenigen entgegen kommenden Biker werden bestimmt schön frieren – ich aber fühle mich sau wohl auf dem Hobel. Und als dann die interessanten Bergpassagen kommen, kann ich endlich den Durchzug am Berg testen. Beim Anfahren mit Vollgas jault der Motor auf ca. 3500 Touren hoch bis die Kupplung langsam zu greifen beginnt, was eigentlich nur am Berg mit 2 Personen besetzt sinnvoll wäre. Nach kurzer „Bedenkzeit“ beginnt der Kraftschluss und der Motor schiebt den Roller mit Nachdruck an. Die Automatik lässt die Motordrehzahl weiter bis auf ca.7000 Touren ansteigen und regelt danach auf Nenndrehzahl ein. Bei Vollgas liegt also fast immer das max. Drehmoment an, wodurch der C600 sehr kraftvoll und mit Schmackes den Berg hochschiebt. Mit den Boxer-BMWs hatte ich früher dieselbe Stelle mit nur unwesentlich höherer Geschwindigkeit durcheilt. Also dieser Antrieb hat wirklich Biss!
BMW_C600sp_CockpitKlar, das Drehzahlniveau dieses Automatikantriebes liegt etwas hoch, aber der Motor entwickelt keine nervigen Geräusche, sondern knurrt recht sonor vor sich hin. Ein Schalter für 2 Fahrprogramme (Eco + Sport) wäre eine richtig feine Sache, um via elektro-hydraulischem Eingriff in die Variator-Regelung unterschiedliche Kennlinien darstellen zu können.
Auch die Bremswirkung, wenn der Gashahn geschlossen wird, ist nicht zu verachten. Hier hatte ich mir eigentlich keine Wirkung erwartet. Und, bei ca. 2000 – 3000 UPM und niedriger Last entweicht dem Auspuff ein Sound, ähnlich einem V2. Einfach klasse !
Im Leerlauf klingt der Motor wertig, potent, sauber. Der Fahrer eines C600 braucht sich nicht hinter anderen Bikern zu verstecken – manche Marken klingen wesentlich schlechter oder scheppern unkultiviert im Leerlauf.
Auf der Autobahn geht das Ding dann richtig ab. Hinter der aufrecht gestellten Scheibe kann man bis 140 km/h leicht geduckt die Luft-Verwirbelungen am Helm im Zaum halten. Fahrer über 1,85 m dürften es etwas schwer haben, diesen Luftwirbeln auszuweichen. Aber wenn man „seine Position“ gefunden hat, kann man mit diesem Roller auf der Autobahn entspannt Kilometer fressen. Die Fuhre liegt dabei einwandfrei auf der Straße und schluckt normale Unebenheiten problemlos. Ich konnte keine Pendelneigung verzeichnen.
BMW_C600sp_Präs6Wenn man dann bei gemütlichen 120 km/h etwas Beschäftigung sucht, kann man die diversen Anzeigen und Funktionen im Cockpit durchspielen als da sind: Sitzheizung, Griffheizung, Spritverbrauch, Reisegeschwindigkeit, Reifenluftdruck, Uhrzeit, Etappen-Zähler, Gesamtkilometer, Spritvorrat, Drehzahlmesser. Alles digital als LCD-Balken oder Symbole.
Gewöhnungsbedürftig, nicht gerade schön, aber funktional und einigermaßen übersichtlich.
Unterwegs, bei meiner dritten Ausfahrt, leuchtet plötzlich die gelbe Reservelampe auf. Was, der Tank ist schon leer? Eine schnelle Überschlags Rechnung Tankinhalt durch BC-Verbrauch ergibt 8 Liter, aber die Reserveleuchte signalisiert das baldige Ende. Was tun – diesen Hinweis ignorieren und einfach 100 km weiterfahren oder an der nächsten Tankstelle halten? Ich entscheide mich für letzteres und steuere eine Tanke an, um neuen Saft zu bunkern. Aber was ist das – nur mit Mühe gehen weniger als 8 Liter Benzin rein. Hat mir die Tankanzeige einen Streich gespielt? Leider erlebte ich diesen Spaß noch öfters – hier sollte BMW ernsthaft über ein verlässlicheres Meßsystem nachdenken!
Übrigens ist das Betanken nicht ganz einfach und erfordert ziemlich viel Zeit und Geschick, um auch die letzten 2 Liter in den Tank zu drücken. Bei „nur“ 16 Litern Kapazität ist es schon wichtig, dass man möglichst viel Sprit für die Tour unterbringen kann, um wenigstens 300 km weit zu kommen.
Ein Riesen-Vorteil dieses Rollers ist der große Stauraum unterm Sitz. Toll, was da so alles rein passt! Und so praktisch: Sitzbank am Zündschloss entriegeln, Sitz hochklappen, einladen und Klappe zu. Einen Integral-Helm bekommt man allerdings nur mit Mühe oder in Mini- Größe verstaut. Leider fehlen hier 1-2 cm, um einen ausgewachsenen Helm unter der Bank zu verstauen.

 

Negativ:
Frontscheibe nur im Stand verstellbar und nur in 3 Positionen fixierbar.
Zum Nachfüllen von Motoröl müssen Dämpfer- und Fußrasten Verkleidung entfernt werden!
Auffüllen von Kühlwasser erst nach Entfernen der rechten Trittbrettabdeckung möglich!
Zugang zur Batterie (Fremdstarten) erst nach Abschrauben der rechten Seitenverkleidung!

Positiv:
Einarmschwinge erleichtert den Ausbau des Hinterrades und schaut toll aus.
Messung des Motorölstandes erfolgt automatisch.
Griff- und Sitzheizung. LCD-Cockpit mit zahlreichen Anzeigen.

Fazit:
Dieser Maxiscooter macht Laune. Er lässt sich flott um die Ecken treiben, fährt sich komfortabel, bietet tollen Wetterschutz, ist sehr praktisch und klingt dabei recht gut.
Fahrleistungen und Verbrauch (gemessene 4,2-4,8 l/100km) gehen absolut in Ordnung.
Die Verarbeitung ist bis auf wenige Ausnahmen gut.
Etwas Skepsis ist angebracht, ob dieser Roller angesichts des recht hohen Preises (ab 11.200 €) in Deutschland großen Erfolg haben wird. Ich könnte mir vorstellen, dass die Italiener den C600 lieben werden, da dort viele Geschäftsleute mit Maxiscootern zur Arbeit fahren und das mit möglichst agilen Geräten wie diesem C600 Sport.

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Gastautor: Arnulf Gill – Dipl. Ing. (FH)

Comment (1)

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